Dialekt hörn is wie daheeme sein

Welchen Einfluss hat die Sprechweise eines Menschen darauf, wie er von anderen wahrgenommen und eingeordnet wird? Warum und in welchen Situationen wechseln Menschen zwischen Dialekt und Standardsprache? Inwiefern ist Sprache ein zentrales Mittel zur Herstellung und Sichtbarmachung sozialer, regionaler und nationaler Identität?


Ein sehr altes Zitat des griechischen Philosophen Sokrates besagt: „Sprich, damit ich dich sehe“. In diesem kurzen Satz wird klar, wie viel Einfluss gesprochene Worte darauf haben, wie wir von unserem Gegenüber wahrgenommen und eingeordnet werden. Andreas Gardt, Germanist und Sprachwissenschaftler, sagt es mit den Worten: „Man ist immer jemand, wenn man spricht. Italienerin oder Deutscher, Sachse oder Hamburgerin. Man ist Mann oder Frau, jung oder alt, ist gebildet, naiv, freundlich oder vulgär“ (Gardt 2016, S. 105).
     Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Astrid Adler schreibt im Sprachreport 4/2025, „dass Personen aufgrund ihrer Sprache (Dialekt, Varietät, Akzent) Eigenschaften, Identitäten und vor allem Zugehörigkeiten zugeschrieben werden. [...] Die Erwartungen an sprachliches Verhalten, Personen und die ihnen zugeschriebenen Identitäten und Zugehörigkeiten hängen ab von den gesellschaftlich vorherrschenden Vorstellungen von Sprache, Gruppen und Identitäten“ (Adler 2025, S. 8).

Um den Blick anderer und damit die Wahrnehmung der eigenen Identität zu beeinflussen, passen Menschen ihre Sprache aktiv an. Gardt beschreibt dieses Phänomen am Beispiel beruflicher Kontexte: Personen, die Dialekt sprechen, wechseln häufig in die Standardsprache, um nicht aufzufallen. Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass Menschen bei der Rückkehr in ihre Heimat wieder Dialekt sprechen. Damit zeigen sie Zugehörigkeit und vermeiden den Eindruck, sich verändert zu haben (vgl. Gardt 2016). Der Wechsel zwischen Sprechweisen lässt sich damit erklären, dass gesellschaftliche Zuschreibungen zur Sprache nicht nur die Wahrnehmung und Beurteilung anderer Menschen prägen, sondern auch das eigene Sprachverhalten und dessen Bewertung beeinflussen (vgl. Adler 2025). Wie sich das konkret äußert, zeigt zum Beispiel Michelle aus Chemnitz in einem Beitrag von Deutschlandfunk Nova: Für sie ist der sächsische Dialekt eine Art Komfortzone, in der sie ganz sie selbst sein kann und ihre Gefühle besser zum Ausdruck bringt. Dialekt spricht sie deshalb vor allem mit ihrer Familie und mit Freund*innen aus ihrer Heimat. Außerhalb des familiären Umfeldes spricht sie im Standarddeutsch und bemerkt immer wieder, dass sie nicht ganz die derselbe Mensch ist, wenn sie ins Standarddeutsch wechselt (vgl. Żuk 2025). Dieses Gefühl wird nicht nur von Dialektsprecher*innen beschrieben, sondern auch von Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind. Die Autorin Kübra Gümüşay verdeutlicht dies in ihrem Buch „Sprache & Sein“ (Ersterscheinung 2020), in dem sie beschreibt, dass sie in unterschiedlichen Sprachen jeweils anders lebt: „Ich spreche, schreibe und denke in drei, ich fühle in vier Sprachen. Mein Tempo beim Sprechen, mein Ton, meine Gefühlslage ändern sich von Sprache zu Sprache“ (Gümüşay 2021, S. 27). Sie führt aus, dass ihre Verbindung zur türkischen Sprache stark durch ihre Familie geprägt ist und sie sich darin zuhause fühlt. Zum Deutschen hat sie hingegen ein ambivalentes Verhältnis: Es ist ihre Bildungssprache und zugleich diejenige, die sie mit Erfahrungen von Ausgrenzung und Schmerz verbindet. Englisch steht für sie für Freiheit, während sie Arabisch mit Spiritualität assoziiert (vgl. Gümüşay 2021).

Sprache und dementsprechend auch Dialekt ist also „ein salientes Mittel, um soziale Identität herzustellen und anzuzeigen“ (Adler 2025, S. 10). Durch Äußerungen, sei es im Sprechen, Schreiben oder in der Gebärdensprache, bringen Menschen ihr Welt- und Selbstverständnis und ihre Identität zum Ausdruck. Dies fördert nicht nur die Entwicklung der persönlichen Identitäten, sondern fördert auch die Gruppenzugehörigkeit (vgl. Adler 2025).1 Die Auswirkungen von Sprache auf unsere Wahrnehmung der Welt und auf gegenseitiges Verständnis verdeutlicht Kübra Gümüşay bereits zu Beginn ihres Buches mit den Worten: „Sprache verändert unsere Wahrnehmung. Weil ich das Wort kenne, nehme ich wahr, was es bedeutet“ (Gümüşay 2021, S. 11). Dies veranschaulicht sie unter anderem am türkischen Begriff ‚yakamoz‘, der die Reflexion des Mondes auf dem Wasser bezeichnet oder das Wort meraki aus dem Griechischen, was „die hingebungsvolle Leidenschaft, Liebe und Energie, mit der sich jemand einer Tätigkeit widmet“ (Gümüşay 2021, S. 12) beschreibt.
     Jede Sprache und jeder Dialekt weist spezifische Nuancen auf, die in dieser Form einzigartig sind, weshalb Sprache, Identität und Nationalität eng miteinander verbunden sind. Sprache spielt sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene eine zentrale Rolle bei der Bildung von Identitäten (vgl. Adler 2025). Astrid Adler argumentiert wie folgt: „Sprachliche Identitäten und Gruppen bilden sich entlang von Sprache, Sprache markiert regionale und nationale Identitäten“ (Adler 2025, S. 14). Zentral sind dabei die Bewertungen von Sprache, ihren Sprecher*innen und deren Identitäten. Diese umfassen sowohl Selbstzuschreibungen als auch Fremdzuschreibungen sowie die von den Personen wahrgenommene Zuschreibung durch andere. „Erst im Blick der anderen und in unserem Bewusstsein von der Existenz dieses Blicks werden wir zu dem, der wir sind“ (Gardt 2016, S. 105).

Adler, A. (2025). Sprache, regionale und nationale Identität, Zugehörigkeit und Diskriminierung. In: Sprachreport 4/2025, 8–18. Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS).

Gardt, A. (2016). & Vieregge, A. (2024). Ich spreche, also bin ich. Sprache ist Identität. In: Sprache. Ein Lesebuch von A-Z. Hrsg. v. Colleen M. Schmitz und Judith Elisabeth Weiss für das Deutsche Hygiene-Museum und die Akademie für Sprache und Dichtung. Göttingen: Wallstein 2016, 105-107.

Gümüşay, K. (2021). Sprache und Sein (16. Aufl.). Hanser Berlin.

Żuk, P. (2025). Wie stehen wir selbstbewusst zu unserem Dialekt? In: Deutschlandfunk Nova. Abgerufen am 19. März 2026 von https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/identitaet-wie-stehen-wir-selbstbewusst-zu-unserem-dialekt

Keen Dialekt is wie der andre Das klingt aber gouhmsch