Benjamin

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⬤ 1998

⬤ West-/Vorerzgebirgische

Mein Dialekt ist das Erzgebirgische beziehungsweise West- oder Vorerzgebirgische, wenn man es genau nimmt. Ich glaube aber, dass in der Gegend auch viel gemischt wird. Das Vogtland ist in der Nähe, Ost-Thüringen ist in der Nähe. Aber in den Dörfern wird überwiegend sicherlich Erzgebirgisch gesprochen. Ich meine auch unterscheiden zu können, wenn jemand starken Dialekt redet, teilweise aus welchem Teil des Dorfes er kommt oder ob er eben aus dem Nachbardorf kommt oder so. Was ich auch ganz interessant finde. Genau, aber es gibt generell im Erzgebirgischen viele eigene Begriffe, spezielle Redewendungen, die ich eigentlich sehr cool finde. Eine meiner Lieblingsredewendungen ist „weit nei bies“. Für etwas, was ganz arg oder ganz schlimm ist, also als wirklich hohe Steigerungsform davon. Zum Beispiel könnte man sagen: „Wie der sich gestern schon wieder aufgeführt hat, das war fei weit nei bies.“ Also, so wie der sich gestern verhalten hat, das war wirklich arg. Und das ist eben eine sehr flexible Redewendung, finde ich, und habe ich so auch noch nicht in vielen anderen Teilen Deutschlands gehört. Also es ist schon sehr speziell, deswegen mag ich’s. Ja, dann gibt es noch so ein paar coole Wörter, zum Beispiel „de Schmiech“ für den Zollstock oder der Kriebl: „Was’n das für’n Kriebl?“ So kann man eben Menschen bezeichnen, die man nicht mag, so’n bisschen garstige, gemeine Menschen. Aber auch vielleicht irgendwelche Gegenstände, die einen gerade stören, die im Weg liegen oder so. Und was ich auch sehr mag, wenn man eben mit jemandem diskutiert und man vielleicht nicht einer Meinung ist und der stimmt einer Aussage nicht zu oder verneint die, dann kann man einfach sagen: „Euja“, also das ist dann so was wie „doch“. Insgesamt würde ich aber sagen, also ich mag Dialekt sprechen schon sehr. Ich habe es mir aber ziemlich abgewöhnt. Ich glaube, das war dann spätestens mit dem Studium. Wenn man dann in so’nem professionellen Umfeld irgendwie ist, vielleicht auch mal vor Leute sprechen muss oder so, dann hat man immer schon das Gefühl, dass die einen so ein bisschen für dumm halten—glaube ich, wenn man einen sächsischen Dialekt spricht oder Erzgebirgisch spricht eben. Und dass sowas eben immer so ein bisschen negativ konnotiert ist oder sogar ziemlich negativ konnotiert ist und deswegen gewöhnt man sich das ab. Und ich glaube, das is auch im Sächsischen—egal welchen Dialekt man in Sachsen jetzt spricht—, ich glaube, das is bei sächsischen Dialekten allgemein schlimmer als bei anderen Dialekten, diese negative Konnotation. Ja, aber wie gesagt, dann gewöhnt man sich das eben in diesem Kontext ab. Vielleicht kommt auch noch mal was anderes dazu, wenn man umzieht oder so in einer anderen Gegend ist. Zum Beispiel bin ich ja dann nach Dresden gezogen, dann gibt es da auch wieder spezielle Eigenheiten. Zum Beispiel habe ich mir dieses „Nu, Nu“ als so zustimmende Silbe eben angewöhnt, was eben häufig in Dresden verwendet wird. Und dann verwässert sich der Dialekt ja auch noch mal mehr. Aber wenn man dann natürlich wieder in der Heimat is und in einem Umfeld und mit Freunden und mit Familie, die halt auch mehr Dialekt sprechen, dann passiert das natürlich auch automatisch, dass man wieder mehr Dialekt spricht. Und das ist dann auch cool und macht Spaß und man kann so ein bisschen reden, wie er in der Schnabel gewachsen ist. Und außerdem macht man das vielleicht dort dann auch wieder, weil es natürlich so eine Art gegenteiligen Effekt gibt. Also vielleicht hat man dann schon doch öfter mal das Gefühl, dass wenn man dann vielleicht zu Hochdeutsch redet oder zu wenig Dialekt, dass die Leute dann denken, man ist so ein bisschen abgehoben oder erhält sich für was besseres. Und deswegen redet man dann eben wieder mehr Sächsisch oder Erzgebirgisch. Genau. Ja, aber wenn man eben nicht in dem Umfeld ist, dann ... also mir fällt es dann einfach schwer, jetzt dann auf Anhieb wieder so zu reden, wie man eben früher geredet hat. Was auch so ein bisschen schade ist, ja, und ich finde es auch gut, wenn man das eigentlich weitergeben würde oder erhalten würde, den Dialekt. Aber ja, wie gesagt, es ist eben schwer, wenn man nicht in dem Umfeld ist. Und ich würde jetzt auch nicht meinen Kindern, wenn die eben in einem anderen Teil Deutschlands aufwachsen ... ich könnte denen das wahrscheinlich gar nicht mehr beibringen. Deswegen, also wahrscheinlich würde das in der Heimat funktionieren, aber ja, nirgendwo anders.

Annemarie Elisabeth